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Carlton-Club-Treffen (1922)

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Das Carlton Club-Treffen von 1922 war ein Treffen der Parlamentsabgeordneten der britischen Conservative Party am 19. Oktober 1922. Es fand im namensgebenden Carlton Club statt. Anlass war eine offene Diskussion um die Frage, ob die Partei die Koalitionsregierung mit dem Teil der von David Lloyd George geführten Liberalen über die nächste Unterhauswahl hinaus fortsetzen oder beenden solle. Während die Parteiführung um Austen Chamberlain für eine Fortführung der Koalition eintrat, machte sich eine Hinterbänkler-Gruppe um Andrew Bonar Law dafür stark, die anstehende Unterhauswahl als unabhängige Kraft zu führen. Die Hinterbänkler und Bonar Law konnten sich durchsetzen und stimmten für ein Ende der Koalition. Lloyd George trat daraufhin als Premierminister zurück, die Konservativen dagegen bildeten eine Regierung unter ihrem neuen Vorsitzenden Bonar Law.

Auch im weiteren Verlauf der Ereignisse hatte das Treffen weitreichende Auswirkungen. Lloyd George, der die letzten Jahre die politische Bühne Großbritanniens dominiert hatte, hielt nie wieder ein politisches Amt inne und fand sich in der politischen Wildnis wieder. Eine mögliche Spaltung der Konservativen wurde dagegen ebenso verhindert wie die von Lloyd George, Lord Birkenhead und Winston Churchill betriebene Fusion aus moderaten Konservativen und Liberalen zu einer neuen Zentrumspartei. In der britischen Parteienlandschaft, bei dem sich aufgrund des Mehrheitswahlrechts traditionell zwei Parteien als Antipoden gegenüberstehen, bildete sich für die nächsten Jahre ein volatiles Dreiparteiensystem heraus, bestehend aus Konservativen, Labour und Liberalen, wobei die Liberalen in dieser Phase als Gegenspieler der Konservativen schrittweise von der aufstrebenden Labour-Partei abgelöst wurden. Das Carlton-Club-Treffen ist auch in der heutigen medialen Berichterstattung in Großbritannien immer wieder präsent und wird regelmäßig zitiert, um die Macht der konservativen Hinterbänkler herauszustreichen.

Der Carlton Club, traditioneller Treffpunkt der konservativen Abgeordneten

Hintergrund

Seit ihrer klaren Niederlage bei den Unterhauswahlen von 1906 hatte sich die Konservative Partei in jahrelanger Opposition wiedergefunden. Die sozialen Reformgesetze der regierenden Liberalen, die maßgeblich von Premierminister H. H. Asquith und seinem Schatzkanzler David Lloyd George vorangetrieben wurden, trafen auf den heftigen Widerstand der Konservativen. Vor allem das sogenannte „Volksbudget“, der Parliament Act 1911, der das Veto-Recht des konservativ dominierten Oberhauses (House of Lords) radikal beschnitt und die Home Rule-Frage sorgten für erbitterte Auseinandersetzungen, denn die Konservativen vertraten die Interessen der Landbesitzer und definierten sich traditionell als entschiedener Gegner der irischen Selbstverwaltung – so nannten sie sich auch, um dies auszudrücken, ab 1912 auch offiziell die „Conservative and Unionist Party“. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 hatte zunächst zu einem Stillhalteabkommen in der Parteipolitik geführt, um die nationale Einigkeit im Angesicht des beginnenden Krieges widerzuspiegeln. Die Konservativen selbst bezeichneten dies als „patriotische Opposition“.[1] Angesichts sich mehrender militärischer Niederlagen und wiederholter Rückschläge war dieses Abkommen jedoch zunehmend an seine Grenzen gestoßen. Vor allem die von Winston Churchill unnachgiebig betriebene “Dardanellenstrategie” mit dem Ziel, das Osmanische Reich aus dem Krieg zu drängen und damit einen sicheren Seeweg zum Verbündeten Russland zu schaffen, war umstritten; die daraus resultierende fatale und verlustreiche Schlacht von Gallipoli hatte zu heftigen Auseinandersetzungen und schließlich zum Rücktritt des Ersten Seelords John Arbuthnot Fisher geführt.[2] Dies und die sogenannte Munitionskrise (ein Mangel an Artilleriegeschossen bei den britischen Truppen an der Westfront) sorgte auch für heftige Kritik der britischen Presse. Eine weitere Alleinregierung der Liberalen und ein Stillhalten der konservativen Opposition war unter diesen Umständen zunehmend unmöglich geworden. Deshalb wurde 1915 eine Koalition zwischen den von Premierminister Asquith geführten Liberalen und den Konservativen um ihren Parteiführer Andrew Bonar Law gebildet. Dazu wurde diese Regierung von Teilen der Labour Party unterstützt. (Obwohl einige Teile Labours der Regierung fernblieben, da sie nicht ihre pazifistischen Ansichten verraten wollten.)

Bis Ende 1916 war auch Premierminister Asquith ins Zentrum der Kritik gerückt; Asquith, der die Presse verachtete, lehnte es ab, sich mit ihr abzugeben und für seine Sache zu werben. Der mächtige Zeitungsmagnat Lord Northcliffe, Besitzer von The Times und Daily Mail, arbeitete dagegen auf seine Absetzung hin.[3] In der Presse wurde Asquith einerseits wegen seiner exaltierten Frau Margot (die einen Teil ihrer Schulzeit in Berlin verbracht hatte und auch im Krieg noch offen Germanophil war), andererseits wegen seiner bekannt abwartenden Strategie, die er vormals selbst mit den Worten „Abwarten und schauen“ (Wait and see) beschrieben hatte, harsch kritisiert. Asquiths politische Gegner, zu denen Edward Carson und Alfred Milner zählten, warfen ihm Entscheidungschwäche vor; dies, andauernde langwierige Diskussion im Kabinett und zahlreiche interne Intrigen machten einen schnellen Entscheidungsprozeß unmöglich. Mitte November 1916 fanden sich Carson, Lloyd George und Bonar Law zusammen und forcierten in der Folge eine Petition: Ein kleineres Kriegskabinett, bestehend aus vier Personen mit Lloyd George an der Spitze, sollte gebildet werden, Asquith diesem dagegen nicht angehören.[4]

Asquith weigerte sich, dies zu akzeptieren, woraufhin Lloyd George seinen Rücktritt einreichte. Da Bonar Law jedoch Lloyd George unterstützte und den Rücktritt aller konservativen Minister androhte, sah Asquith keine andere gangbare Option mehr und trat von seinem Amt zurück.[5] Diese Entscheidung führte zur Spaltung der Liberalen Partei. Während der als Premierminister verdrängte Asquith mit seinen Anhängern in die Opposition ging, verblieb ein (kleinerer) Teil der Liberalen unter dem neuen Premierminister Lloyd George in der Koalition.[6]

Die „Coupon-Wahl“ 1918

1918 gewann diese Koalition die Unterhauswahl, bei der erstmals allen Männern über 21 Jahren und Frauen über 30 Jahren das Wahlrecht gewährt worden war. Diese Wahl wird auch als „Coupon-Wahl“ bezeichnet – da die Regierung zuvor Schreiben (coupons) an bestimmte Politiker der Liberalen und Konservativen gesandt hatte, die sie als Anhänger der bestehenden Koalition auswies.[7] Dies verschärfte die bereits bestehende interne Spaltung der Liberalen Partei und versetzte ihr einen schweren Schlag. Die Koalitionsregierung gewann bei der Wahl eine deutliche Mehrheit mit den Konservativen als Hauptgewinner, die Liberalen unter Asquith schrumpften dagegen zu einer Rumpfpartei. Auch die Koalitionsliberalen befanden sich nun deutlich in der Minderheit; die Koalition bestand zu drei Vierteln aus Konservativen und einem Viertel aus Liberalen auf der Seite Lloyd Georges, während Asquiths Liberale von der aufstrebenden Labour Party als die führende Oppositionspartei abgelöst worden waren.[8] Diese hatte nach Beendigung des Krieges ebenfalls die Koalition verlassen.[9]

Das neue Parlament unterschied sich jedoch nicht nur in seiner relativen Parteienstärke von seinem Vorgänger, auch die personelle Zusammensetzung der Parteien –insbesondere auch der Konservativen– hatte sich geändert. Stark vertreten in der konservativen Unterhausfraktion waren nun Geschäftsleute, die ihren Wohlstand oft auch dem Krieg verdankten. Der konservative Politiker J. C. C. Davidson, Privatsekretär Bonar Laws und 1920 ins Parlament gewählt, beschrieb dem Sekretär von König Georg V., Lord Stamfordham, dass der altmodische Gentleman vom Land und die akademischen Berufe kaum noch repräsentiert seien, dafür jedoch ein hoher Prozentsatz von profitgierigen, nüchternen Männern nun die Reihen der konservativen Partei aufgefüllt hätten. Auch Lloyd George äußerte, er habe das Gefühl, nicht mehr zum Unterhaus zu sprechen, sondern zu einer Handelskammer auf der einen und zum Trades Union Congress auf der anderen Seite. Im gesellschaftlichen Klima der Nachkriegszeit, in dem Profitmacherei angesichts der großen Opfer des Krieges stigmatisiert war und die Spannungen zwischen den gesellschaftlichen Klassen zunahmen, führte dies zu einem Ansehensverlust der Koalition in der Bevölkerung.[10]

Krisen der Koalitionsregierung

Premierminister David Lloyd George (1919)

Die anfängliche Dankbarkeit gegenüber Lloyd George als „dem Mann, der den Krieg gewonnen hatte“,[11] war schnell zunehmender Ernüchterung gewichen. Der kurze wirtschaftliche Nachkriegsboom in Großbritannien war Ende 1920 deutlich abgekühlt.[12] Bis Mitte 1921 wuchs die Zahl der Arbeitslosen von anfänglich 300.000 auf über zwei Millionen Menschen an.[13] Es kam zu einer Serie von Streiks von Eisenbahnern und Bergleuten, die (vor allem nach der Russischen Revolution) die Angst vor dem Bolschewismus schürten. Dies und damit verbunden die Angst vor einer stärker werdenden, möglicherweise in den radikalen Sozialismus abdriftenden Labour-Partei war einer der Hauptgründe für das zunehmend widerwillige Festhalten an der Koalitionsregierung. Die Koalition war in der Bevölkerung zunehmend unbeliebt, mehrere Nachwahlen gingen für sie verloren.[14] Hauptgewinner war die Labour-Partei, deren Wählerschaft sich hauptsächlich aus der Arbeiterklasse speiste und die sich sukzessive als führende Oppositionspartei konsolidieren konnte.[15] Die Liberalen dagegen blieben weitgehend ihren Ideen (wie Freihandel und Home Rule) aus dem Viktorianischen Zeitalter verpflichtet und verloren zunehmend an Boden.

Viele Fehler wurden Lloyd George persönlich angelastet, gegen den die konservativen Hinterbänkler bereits seit vielen Jahren ein starkes Misstrauen hegten.[16] Auch in den konservativen lokalen Parteiorganisationen wuchs die Unzufriedenheit.[17] Diese Antipathie resultierte zum Teil aus Lloyd Georges führender Rolle während der Auseinandersetzungen um den Parliament Act 1911, zum Teil aber auch, weil er als selbstsüchtiger Politiker galt. Vor allem Lloyd Georges außenpolitische Initiativen erwiesen sich zumeist als Fehlschläge und waren Gegenstand zahlreicher interner Auseinandersetzungen.[18] Das Scheitern der Konferenz von Genua und der irischen Verhandlungen fügten Lloyd Georges Prestige schweren Schaden zu.[19] In Genua zeigte sich Lloyd George aufgrund weitgehender Differenzen zwischen der deutschen und französischen Delegation nicht in der Lage, einen diplomatischen Erfolg zu erzielen. Während er selbst den Anglo-Irischen Vertrag als persönlichen Erfolg ansah, sorgte der Beginn einer terroristischen Kampagne Sinn Feins in der nordirischen Provinz Ulster für Unmut bei den Tories.[20] Der in weiten Teilen der Konservativen Partei populäre Andrew Bonar Law trat aus gesundheitlichen Gründen im März 1921 vom Parteivorsitz zurück und schied aus der Regierung aus; ihm folgte Austen Chamberlain nach, der bei weitem keine so enge Kontrolle über die Hinterbänkler ausübte wie sein Vorgänger. Lloyd George verließ sich im Umgang mit der konservativen Partei auf einen engen Zirkel Vertrauter und gab sich keine Mühe, bei den Hinterbänklern für sich selbst und seine politischen Anliegen zu werben.[21]

Ein Cartoon im Punch, der die politischen Probleme Lloyd Georges karikiert. (September 1920)

Im Juni 1922 erschütterte ein Korruptionsskandal das Oberhaus (House of Lords); mehrfach waren in den letzten Jahren Männer mit zweifelhafter Reputation geadelt worden, deren Ernennung als nicht statthaft galt, die jedoch große Summen an Vertrauensleute Lloyd Georges gespendet hatten. Aus allen Parteien wurden Forderungen nach einer Untersuchung laut. Lloyd George musste, obwohl er seine Praktiken verteidigte, im Unterhaus der Einsetzung einer royalen Kommission zustimmen, die sich eingehend mit der Zuerkennung von Adelstiteln beschäftigen sollte.[22] Auch wenn Lloyd George damit die Angelegenheit zunächst entschärft hatte, trug sie zusätzlich zur allgemeinen Verärgerung vieler Konservativer bei und markierte einen weiteren Schritt im Niedergang der Koalition. Im Juli 1922 brach sich die allgemeine Unzufriedenheit in der Konservativen Partei Bahn. Eine Gruppe von Junior-Ministern konfrontierte die Minister der Koalition offen mit ihrer Ansicht, die Koalition zu beenden, wurde jedoch von Lord Birkenhead in hochmütiger Weise abgekanzelt.[23] Zudem spielte Lord Salisbury mit einigen Anhängern halböffentlich mit dem Gedanken, eine unabhängige Partei rechts von den Konservativen aufzubauen. Salisbury hatte bereits in den Auseinandersetzungen um den Parliament Act von 1911 eine führende Rolle gespielt und bildete mit etwa 50 Anhängern eine reaktionäre Gruppe, die nach wie vor die innenpolitischen Reformen ablehnte, die die Liberalen um Asquith und Lloyd George in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf den Weg gebracht hatten. Anfang August vertagte sich das Parlament in die übliche Sommerpause.[24]

In der Folge der kleinasiatischen Katastrophe, der Niederlage Griechenlands im Griechisch-Türkischen Krieg, kam es im September 1922 zur Chanakkrise, die erneut Lloyd Georges außenpolitischen Dilettantismus vor Augen führte. Lloyd George, Churchill und Lord Birkenhead veröffentlichen ohne vorherige Absprachen mit dem Kabinett und den britischen Verbündeten eine Erklärung, in der sie der Türkei mit einem Krieg drohten. Der konservative Außenminister Lord Curzon musste in schwierigen Konsultationen eine Kompromisslösung aushandeln. Curzon, der im Kabinett regelmäßiges Opfer von Lloyd Georges beißendem Spott gewesen war und sich oft übergangen gefühlt hatte,[25] hatte mehr als einmal dessen außenpolitische Fehler zu korrigieren. Curzon hatte mehrfach seinen Rücktritt eingereicht, ihn jedoch immer wieder zurückgezogen; nach der Chanakkrise entschloss er sich jedoch endgültig zum Rücktritt, da er sich erneut von Lloyd George düpiert sah.[26] Zudem legte die Chanakkrise ein seit langen Jahren bestehendes Schisma der britischen Politik offen, denn seit den Tagen von Benjamin Disraeli waren die Konservativen in Orientfragen wie dem bulgarischen Aprilaufstand protürkisch orientiert, während die Liberalen antitürkische Ressentiments pflegten und Anhänger des Philhellenismus waren.[27]

In dieser Situation schrieb der zeitweilig genesene Andrew Bonar Law einen Leserbrief an die Londoner Times, der am 7. Oktober veröffentlicht wurde. Er vertrat die Ansicht, dass Großbritannien nicht als alleiniger Weltpolizist agieren könne, da die finanziellen und sozialen Konditionen des Landes dies unmöglich machen würden.[28] Zahlreiche Unterstützer der Tories baten daraufhin Bonar Law, wieder in die aktive Politik zurückzukehren.

Austen Chamberlain

Am 10. Oktober kam das Kabinett überein, eine Unterhauswahl anzusetzen und diese erneut gemeinsam zu bestreiten.[29] Am Folgetag hielt Austen Chamberlain in Birmingham eine Rede, in der er angesichts der nationalen Krise die Aufrechterhaltung der Koalition forderte, anderenfalls würde der gemeinsame Feind Labour gewinnen.[30] Einen Tag später verteidigte Lloyd George öffentlich seine Außenpolitik, verbunden mit einem Angriff auf die Türkei, die er als blutlüstern beschrieb; zudem erinnerte er daran, dass die Türken bereits Tausende von Griechen und Armeniern ermordet hätten.[31] Am 15. Oktober entschloss sich Chamberlain, ein Treffen aller konservativen Abgeordneten einzuberufen, um sich das Vertrauen als Parteiführer aussprechen zu lassen.[32] Chamberlain sah sich und seinen Führungszirkel zu diesem Zeitpunkt als unentbehrlich an und zeigte sich überzeugt, dass seine internen Gegner nicht in der Lage sein würden, eine andere Regierung zu bilden.[33]

Als Ort wurde der Carlton Club ausgewählt; im Jahr 1832 von Tory-Peers gegründet, stellte er den traditionellen gesellschaftlichen Treffpunkt für Mitglieder der Konservativen dar.[34] Bereits im 19. Jahrhundert hatte der Club mehrfach als Ausgangspunkt für parlamentarische Initiativen von konservativen Hinterbänklern gedient; zuletzt war er im November 1911 Schauplatz bei der Wahl Bonar Laws zum neuen Parteivorsitzenden gewesen.

In den nächsten Tagen kam es bei mehreren informellen Treffen zu einem Meinungsaustausch von Hinterbänklern der Tories, in denen sich jeweils eine Mehrheit gegen eine weitere Coupon-Wahl aussprach und bereits der Widerstand gegen die Parteiführung koordiniert wurde; bei einem dieser Treffen baten die Anwesenden Sir Samuel Hoare, E.G. Pretyman und George Lane-Fox darum, Bonar Law aufzusuchen und ihn zu überreden, die Partei aus der Koalition herauszuführen.[35]

Die Rolle Bonar Laws und die Nachwahl in Newport

Bonar Law wurde nun von mehreren Parteifreunden bestürmt, sich für eine der Seiten auszusprechen. Er zögerte lange, erklärte sich jedoch schließlich bereit, am Treffen teilzunehmen. Als ehemaliger Parteivorsitzender kam ihm eine Schlüsselrolle zu, da, abgesehen von Curzon, die anderen Parteigrößen alle für eine Fortführung der Koalition unter den bestehenden Bedingungen votierten und eine neu formierte Regierung allenfalls von einem erfahrenem Politiker mit hohem Prestige gebildet werden konnte. Sein offener Brief an die Times hatte bereits implizit signalisiert, dass ein alternativer konservativer Parteiführer und Premierminister bereitstand.[36]

Parallel zu den Auseinandersetzungen kam es zu einer vielbeachteten Nachwahl im Wahlkreis Newport. Während ein Sieg des Labour-Kandidaten erwartet worden war, zeigte die Auszählung am Abend des 18. Oktober, dass der konservative Kandidat die Wahl gewonnen hatte, der Kandidat der Liberalen war deutlich abgeschlagener Dritter. Die einflussreiche Londoner Times berichtete am Morgen des 19. Oktober auf ihrer Titelseite eingehend über die Nachwahl und beschrieb sie als eine komplette Verdammnis der Koalitionsregierung und Rechtfertigung derjenigen Konservativen, die sich gegen die Koalition aussprachen.[37]

Das Treffen

Stanley Baldwin (1920)

Das anberaumte Treffen begann um 11 Uhr morgens am nächsten Tag unter großem Andrang der konservativen Abgeordneten. Etwa 275 Abgeordnete waren anwesend. Chamberlain wurde kühl, Bonar Law dagegen mit Jubel begrüßt.[38] Lord Birkenhead wurde bei seinem Eintreffen mit lauten Unmutsbekundungen empfangen. Chamberlain eröffnete das Treffen und kritisierte, dass die öffentliche Kritik während der Chanakkrise Großbritanniens Einfluss und Prestige ernsthaften Schaden zugefügt habe. Er führte aus, dass der wahre Konflikt nicht zwischen Liberalen und Konservativen ausgetragen werde, sondern zwischen freiheitlichen Kräften und denen, die für den Sozialismus stünden. Es sei unmöglich, allein eine Mehrheit gegen Labour zu erringen. Folglich sei es auch Wahnsinn, zu diesem Zeitpunkt eine Spaltung der Allianz mit den Liberalen herbeizuführen. Chamberlains Rede wurde mehrheitlich negativ aufgenommen.[39]

Unmittelbar nach Chamberlain sprach der aufstrebende Stanley Baldwin. Er kritisierte die mit der Partei nicht abgesprochene Kabinettsentscheidung über die nächste Wahl, drohte mit seinem Rücktritt aus der Regierung und damit, die kommende Wahl als unabhängiger konservativer Kandidat zu bestreiten. Baldwin beschrieb Lloyd George als eine dynamische Kraft, die jedoch die Konservativen ebenso spalten könne wie zuvor bereits die Liberalen: „Nehmen Sie Mr. Chamberlain und mich selbst. Er ist entschlossen, in die politische Wildnis zu gehen, wenn er dazu gezwungen ist, den Premierminister im Stich zu lassen und ich bin vorbereitet in die Wildnis zu gehen, wenn ich gezwungen bin, bei ihm zu bleiben.“[40] Baldwins Rede fand viel Applaus.[41] Es folgte der Abgeordnete E.G. Pretyman, der sich gegen eine Fortführung der Koalition aussprach; den aktuellen Herausforderungen könne am besten durch konservative Prinzipien begegnet werden. Er brachte eine Resolution ein, dass die anstehende Unterhauswahl als unabhängige Partei geführt werden solle. Dies wurde vom nächsten Redner, George Lane-Fox, unterstützt. Danach meldete sich F. B. Mildmay mit einer konzilianten Rede zu Wort, woraufhin sich Sir Henry Craik, einer der sogenannten Die-hards ebenfalls für einen Bruch mit Lloyd Georges Liberalen aussprach.[42]

Dann folgte Bonar Law, der vor einer Fortsetzung der Koalition warnte und prophezeite, es würde ansonsten zu einer Spaltung der Konservativen Partei kommen. In dieser Situation sei für ihn die Einheit der Partei wichtiger als die nächste Wahl zu gewinnen. Das Gefühl gegen eine Fortsetzung der Koalition sei mittlerweile jedoch so stark, dass die Partei gespalten und eine neue Partei geformt werde, wenn man Chamberlains Rat folge. Die als moderat geltenden Mitglieder würden gehen, der verbliebene Rest der Partei würde reaktionärer werden. Er zog eine Analogie zum Jahr 1846, als der Streit um die Korngesetze die Partei gespalten hatte: Eine Generation würde es dauern, ehe die Konservative Partei wieder zu dem Einfluss zurückfinden würde, der ihr zustehe.[43] Der ehemalige Parteiführer Arthur Balfour sprach sich dagegen für die Fortführung der Koalition aus und nannte Pretymans Vorstoß unehrenhaft.[44] James Fitzalan Hope, ein Unterstützer der Koalition, regte nun eine Vertagung an, Chamberlain drängte jedoch auf eine sofortige Entscheidung.[45]

Das Votum wurde offen abgehalten, mit Karten, auf denen der Name des jeweiligen Abgeordneten markiert war. Das Ergebnis war eindeutig, mit 187 zu 87 Stimmen, die sich für Pretymans Resolution aussprachen.[46] Eine spätere Analyse der Abstimmung sah die stärksten Gegner der Koalition in sicheren konservativen Wahlkreisen, wie beispielsweise in Nordirland. Die Unterstützer der Koalition waren dagegen in denjenigen umkämpften Wahlkreisen zu finden, wo die Tories sich mit den Liberalen auseinandersetzen mussten, vor allem in den Landesteilen Schottland, in East Lancashire und im englischen Südwesten.[47]

Unmittelbare Nachwirkung

Andrew Bonar Law, Gemälde von 1924

Sofort nach dem Treffen reichten einige konservative Kabinettsmitglieder um Stanley Baldwin bei Premierminister Lloyd George ihren Rücktritt ein. Chamberlain beriet sich dagegen zunächst mit seinen Unterstützern. Lloyd George fuhr im Verlauf des Nachmittags zum Buckingham Palace und gab König Georg V. seinen Rücktritt bekannt.[48] In der Erwartung, es könne gegen sie keine Regierung gebildet werden, schlossen sich nun zahlreiche namhafte Kabinettsmitglieder – neben Chamberlain und Balfour auch Lord Birkenhead, Sir Robert Horne und Lord Balcarres – Lloyd George an.[49] Der König schickte daraufhin seinen Sekretär Lord Stamfordham zu Bonar Law und lud ihn dazu ein, eine neue Regierung zu bilden. Dieser lehnte zunächst mit dem formellen Hinweis ab, dass er kein Parteiführer sei. Am 23. Oktober wurde er jedoch einstimmig zum Parteiführer der Konservativen gewählt und bildete in den nächsten Tagen zur Überraschung vieler Beobachter eine neue Regierung, bei der er sich vor allem auf Curzon als Außenminister und Baldwin als Schatzkanzler stützte. Dazu berief er mit Lord Salisbury den Anführer des rechten Parteiflügels, der sogenannten „Die-hard“-Gruppe, als Lordpräsident des Rates (Lord President of the Council) in sein Kabinett.[50] Da Chamberlain und seine Anhänger die Regierungsbildung boykottiert hatten, war Bonar Laws Kabinett nur mit wenigen erfahrenen Politikern besetzt.[51] Der zusammen mit Lloyd George gestürzte Winston Churchill nannte die Regierung deshalb abschätzig „eine Regierung der zweiten Elf“.[52]

Historische Signifikanz

Aufgrund der volatilen Situation in der britischen Parteienlandschaft der Nachkriegsjahre hatten Zeitgenossen eigentlich eine Weiterführung der Koalition unter geänderten Bedingungen erwartet; die Unterhauswahl am 15. November 1922 führte jedoch zu einer Stabilisierung und machte eine Koalitionsregierung unwahrscheinlich.[53] Im Ergebnis wurde eine Spaltung der Konservativen Partei verhindert, die zuvor von Salisbury und einigen Unterstützern auf der einen Seite, von Lloyd George (mit dem Gedanken, eine Zentrumspartei zu formen[54]) auf der anderen Seite, betrieben worden war. Durch den Fall der Koalition wurde zudem das Ende des britischen Zweiparteiensystems (mit den Konservativen und den Liberalen als Antipoden) eingeläutet und eine Übergangsphase eingeläutet, in der es kurzzeitig zu einem Dreiparteiensystem kam und die Liberalen zunehmend von der Labour Party als führendem Gegenspieler der Konservativen abgelöst wurden.[55] Lloyd George selbst, vormals einer der dominierenden Politiker der letzten Dekade, hielt nie wieder ein Amt. Auch die Liberale Parte stellte seither nie wieder den Premierminister. Das Treffen ist bis heute das einzige Mal, in dem Hinterbänkler erfolgreich ihren Parteiführer und die Regierung stürzten. Deshalb nimmt es bis heute einen prominenten Platz in der britischen Parteigeschichte ein, regelmäßig wird in der politischen Berichterstattung Bezug auf das Treffen genommen, um die Macht der konservativen Hinterbänkler und des von ihnen formierten 1922-Komitees herauszustreichen.[56]

Der Historiker Robert Blake sah im Carlton Club-Treffen einen demokratischen Vorgang, der das verloren gegangene Vertrauen nicht nur der konservativen Parlamentsmitglieder, sondern weiter Teile der Partei in Austen Chamberlains Führung ausdrückte. Auch ein anderes Votum hätte allenfalls eine aufschiebende Wirkung gehabt, da aufgrund der vorherrschenden Stimmung in der Partei ein späterer Parteitag Chamberlains Niederlage letztlich bewirkt hätte.[57] Michael Kinnear bewertete das Treffen nicht als generelle Absage an eine Koalition, sondern lediglich als Willensbekundung der Konservativen Partei, im Falle einer Mehrheit nach der nächsten Wahl allein eine Regierung zu bilden.[58] John Campbell sah das Ergebnis des Treffens als logische Folge der inneren Widersprüche der Koalition und ihrer Unpopularität; in dem Moment, wo (mit Bonar Law als Nachfolger Chamberlains) eine echte Alternative auftauchte, sei sie zu Fall gebracht worden.[59] Es habe lediglich Bonar Laws Rückkehr in die aktive Politik und Curzons Seitenwechsel benötigt, um die Masse der konservativen Partei hinter einer neuen Regierung zu versammeln.[60] David Powell sah den Fall der Koalition ebenfalls als Folge der Unpopularität des Premierministers und der Widersprüche innerhalb der Koalition.[61]

Literatur

  • Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, ISBN 978-0-571-27266-2.
  • Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, ISBN 978-0-571-28760-4.
  • John Campbell: Lloyd George: The Goat in the Wilderness 1922–1931. Faber & Faber, London, 1977 ISBN 978-0-571-30206-2.
  • Maurice Cowling: The Impact of Labour 1920–1924: The Beginning of Modern British Politics. Cambridge University Press, Cambridge 1971, ISBN 978-0-521-07969-1.
  • Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, ISBN 978-1-349-00522-2.
  • Harold Nicolson: Curzon: The Last Phase, 1919–1925. A Study in Post-War Diplomacy. Faber Finds, London 1934, ISBN 978-0-571-25892-5.

Einzelnachweise

  1. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 227 f.
  2. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 242.
  3. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 294.
  4. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 302 ff.
  5. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 334.
  6. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 124 ff.
  7. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 178.
  8. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 179.
  9. Maurice Cowling: The Impact of Labour 1920–1924: The Beginning of Modern British Politics. Cambridge University Press, Cambridge 1971, S. 23.
  10. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 412.
  11. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 177.
  12. Gottfried Niedhart: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. C.H. Beck, München 1996, S. 154.
  13. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 414.
  14. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 415.
  15. Maurice Cowling: The Impact of Labour 1920-1924: The Beginning of Modern British Politics. Cambridge University Press, Cambridge 1971, S. 25 f.
  16. Stuart Ball: Portrait of a Party: The Conservative Party in Britain 1918-1945. Oxford University Press, Oxford, 2013, S. 479.
    Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 4.
  17. Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 63 ff.
  18. Roy Hattersley: The Great Outsider. David Lloyd George. Abacus, London 2010, S. 550.
  19. Hans Mommsen: Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar 1918–1933. Berlin 1998, S. 161.
    Harold Nicolson: Curzon: The Last Phase, 1919-1925. A Study in Post-War Diplomacy. Faber Finds, London 1934, S. 269.
  20. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 436.
  21. John Campbell: Lloyd George: The Goat in the Wilderness 1922-1931. Faber & Faber, London, 1977, S. 31.
    Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 8.
  22. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 443.
    Travis L. Crosby: The Unknown David Lloyd George: A Statesman in Conflict. I. B. Tauris, London 2014, S. 330.
  23. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 444.
  24. Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 114.
  25. Harold Nicolson: Curzon: The Last Phase, 1919-1925. A Study in Post-War Diplomacy. Faber Finds, London 1934, S. 278.
  26. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 452.
    Harold Nicolson: Curzon: The Last Phase, 1919-1925. A Study in Post-War Diplomacy. Faber Finds, London 1934, S. 279.
  27. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 446.
  28. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 448.
  29. Roy Hattersley: The Great Outsider. David Lloyd George. Abacus, London 2010, S. 569.
  30. Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 120.
  31. Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 121.
  32. Roy Hattersley: The Great Outsider. David Lloyd George. Abacus, London 2010, S. 571.
  33. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 451.
  34. Seth Alexander Thévoz: Club Government: How the Early Victorian World Was Ruled from London Clubs. IB Tauris, London 2018.
  35. Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 123.
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  58. Michael Kinnear: The Fall of Lloyd George: The Political Crisis of 1922. Macmillan, London 1973, S. 133.
  59. John Campbell: Lloyd George: The Goat in the Wilderness 1922-1931. Faber & Faber, London, S. 29 f.
  60. John Campbell: Lloyd George: The Goat in the Wilderness 1922-1931. Faber & Faber, London, S. 39.
  61. David Powell: British Politics, 1910–1935: The Crisis of the Party System. Routledge, Abingdon 2004, S. 193.
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