Theorie der Geschichte

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Die Theorie der Geschichte, Geschichtstheorie oder Historik (von lat. ars historica = Historische Kunst[lehre]) erläutert und begründet die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Sie ist von der quellenbasierten Geschichtsforschung, der Geschichtsdidaktik und der Geschichtsphilosophie zu unterscheiden.

Nicht gemeint sind hier insbesondere geschichtsphilosophische Theorien über den Gang oder Sinn der ganzen Geschichte (von Augustinus von Hippo, Immanuel Kant, Karl Marx bis zu Theodor Lessing oder Francis Fukuyama), die auch oft als Geschichtstheorien bezeichnet werden.

Entwicklung

Die Theorie der Geschichte begann in der antiken Literatur als rhetorisch-didaktische Lehre der Geschichtsschreibung, z. B. bei Plutarch. Im Mittelalter musste sich eine Geschichte der weltlichen Dinge gegenüber der aus christlicher Sicht würdigeren Heiligenvita rechtfertigen, so bei Einhard in Auseinandersetzung mit Sulpicius Severus. Die theoretische Diskussion schritt durch die Aufklärung und den Historismus fort zur Methodenlehre der Geschichtsforschung und zur Erkenntnistheorie des historischen Denkens. Sie integrierte auch Teile der Geschichtsphilosophie. Bereits Wilhelm Wachsmuth publizierte 1820 einen theoretischen Entwurf, das grundlegende Werk des deutschen Historismus aber ist Johann Gustav Droysens Historik (1857).

Friedrich Nietzsches Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874) hat in seiner Kritik einer zu stark historisierenden Weltsicht, die er dem zeitgenössischen Historismus vorwarf („Götzendienst des Tatsächlichen“), die zentrale Frage nach den Lebensleistungen der Wissenschaft gestellt. Erst die kritische Sicht der Geschichte erlaubt es, die Last der erinnerten Geschichte immer wieder abzuschütteln. Für ihn steht die Geschichte nahe zur Kunst. In der Gegenwart stehen dieser Position Diskurstheorien wie etwa von Michel Foucault oder Paul Veyne nahe. Viele Historiker wehren sich aber gegen eine Auflösung der Vergangenheit in eine bloße Konstruktion, darunter Eric J. Hobsbawm. Die Relevanz von Geschichte ergibt sich aus der für den Menschen unausweichlichen Gegenwärtigkeit des Vergangenen.

Für die deutsche Entwicklung nach 1945 führte die staatliche Teilung zur Kontroverse zwischen marxistischer und sog. „bürgerlicher“ Geschichtsschreibung in Ost und West. Dabei standen die Gesetzmäßigkeit der Geschichte und die Parteilichkeit des Historikers im Mittelpunkt. Eine Übersicht gibt dazu Karl-Georg Faber. Innerhalb der bundesdeutschen Debatte vertrat die Bielefelder Schule die Theoriebedürftigkeit von empirischer Geschichtsforschung gegen Theorieskeptiker wie z. B. Konrad Repgen. Auch plädierte sie für eine aufklärerische Rolle von Geschichte gegen historische Mythen und für das Offenlegen der eigenen Voraussetzungen bzw. gegen ihre stillschweigende Setzung, wie den Primat der Außenpolitik. In den 1970er und 1980er Jahren befasste sich ein Arbeitskreis mit geschichtstheoretischen Fragen, in dem neben Jürgen Kocka vor allem Thomas Nipperdey und Reinhart Koselleck hervortraten (siehe Literatur). Auch wurden Forschungen zur Geschichte der Geschichtswissenschaft angeregt. In den 1980er Jahren entwickelte Jörn Rüsen in mehreren Bänden eine neue geschichtstheoretische Grundlegung über Droysen hinaus, die auch in der Geschichtsdidaktik aufgegriffen wurde.

Auch die französische Geschichtswissenschaft, z. B. Fustel de Coulanges, orientierte sich im späten 19. Jahrhundert am deutschen Historismus mit positivistischer Quellenkritik: „Ohne Quellen keine Geschichte!“ Dagegen setzten Marc Bloch in Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers und Jacques Le Goff in Geschichte als Wissenschaft: Der Beruf des Historikers als Repräsentanten der Annales-Schule den Zwang zur zufälligen Auswahl, das Recht der historischen Phantasie jenseits der schriftlichen Quellen, aus der neue Fragen erwachsen, sowie die zuerst in der Archäologie untersuchten „schweigenden Quellen“. Zu vielen Themen wie Hexen oder Feste gibt es nur „Zonen des Schweigens“, die ohne traditionelle Quellen auch mit quantitativen oder literarischen Methoden rekonstruiert werden müssen. Le Goff wollte eine historische Anthropologie mit weiten Fragestellungen schaffen.

Auf die italienische Geschichtstheorie nahmen Giambattista Vico und im 20. Jahrhundert Benedetto Croce großen Einfluss. Im angelsächsischen Raum sind der Philosoph Robin George Collingwood mit der Philosophie der Geschichte (1946) zu nennen sowie die Fachhistoriker Edward Hallett Carr und Eric J. Hobsbawm. Der Amerikaner Hayden White hat die Narrativität der Geschichte als ihr grundlegendes Strukturmerkmal im Unterschied zu anderen Gesellschaftswissenschaften herausgestellt.

Heute gehören die postmodernen Debatten um die Mentalitätsgeschichte, die Gedächtnistheorie und ihre Folgen für die Oral History, (z. B. bei Harald Welzer), und die Diskurstheorien in ihren Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft, der linguistic turn (z. B. Hayden White) oder neuerdings der iconic turn mit der explosiven Vermehrung des Quellenmaterials sowie die Neue Kulturgeschichte zu den „heißen“ Themen.

Wozu Geschichte?

Alfred Heuß beklagte 1959 den Verlust der Geschichte als Bildungsmacht im Nachkriegsdeutschland. Ein Hinweis auf private Liebhaberei reiche nicht aus, etwa zur Begründung eines Schulfaches Geschichte. Kann man aus der Geschichte etwas lernen (historia magistra vitae)? Gilt die Tradition mehr oder das Recht auf Erneuerung? Ohne Zweifel kann Geschichtsforschung Vorurteile und historische Legenden kritisch zurechtrücken. Sie kann dem Einzelnen oder Gruppen die verschiedensten Angebote der Identität und Gruppenzugehörigkeit machen (Nation, Region, Geschlecht, Schicht …), doch ist bereits offen, ob Identitätsstiftung durch Geschichte möglich ist, wenn zugleich ihre kritische Funktion wirkt. Die Legitimität einer sozialen Ordnung wird in der Regel historische Argumente heranziehen, so wird für das Grundgesetz die historische Erfahrung mit der Weimarer Republik und dem Dritten Reich angeführt.

Der Vertreter der Bielefelder Schule, Jürgen Kocka, hat die sozialen Funktionen der Geschichte 1975 zusammengefasst:

  • Historische Erklärung gegenwärtiger Probleme durch Aufdeckung ihrer Ursachen und Entwicklung (Beispiel: Antisemitismus)
  • Vermittlung von modellhaften Kategorien und Einsichten politischer Bildung zur Erkenntnis und Orientierung in der Gegenwart
  • Legitimation und Stabilisierung sozialer und politischer Herrschaftsverhältnisse, Rechtfertigung politischer Entscheidungen (Bsp. Revolutionsfeiern der USA 1976 und Frankreichs 1989)
  • Traditions- und Ideologiekritik, Kritik an historischen Mythen und Legenden (Bsp. Dolchstoßlegende)
  • Schaffung eines Möglichkeitsbewusstseins durch Verflüssigung des Gegenwärtigen, Aufzeigen von Alternativen
  • Orientierung von Individuen und Gruppen in ihrer Gegenwart, auch durch Aufzeigen des Verschütteten, Nichtaktuellen
  • Erziehung zum konkreten und kritischen Denken gegen vorschnelle Absolutheitsformeln, Einsicht in die Relativität von historisch-politischen Perspektiven
  • „zwecklose“ Freizeitbeschäftigung, Unterhaltung, Vergnügen

Bedingungsfaktoren historischer Erkenntnis

Jörn Rüsen (1983–89) hat fünf Faktoren, die historische Erkenntnis bedingen, in einer disziplinären Matrix zusammengefasst:

  • Orientierungsbedürfnisse in der Gegenwart,
  • leitende Hinsichten auf die menschliche Vergangenheit,
  • methodische Verfahren,
  • Darstellungsformen,
  • Funktionen der Daseinsorientierung.

Problemkreise

Zentrale Probleme der Geschichtstheorie sind nach Karl-Georg Faber (1971):

Im Grenzbereich zur Philosophie auch

  • Auffassung vom Menschen (Anthropologie)
  • Sinn der Geschichtswissenschaft

Literatur

Zeitschriften

Klassiker und Literatur bis 1990

  • Johann Gustav Droysen: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte. HKA hg. v. K. Hübner, Stuttgart 1977, ISBN 3-486-40858-5.
  • Marc Bloch: Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers. Klett-Cotta, Stuttgart 2002 (frz. 1949), ISBN 3-608-94170-3.
  • Edward Hallett Carr: What is History? London 1961. (deutsch: Was ist Geschichte? Stuttgart 1963)
  • Robin George Collingwood: The Idea of History. Clarendon Press, Oxford 1946. (deutsch: Philosophie der Geschichte, Stuttgart 1955)
  • Kurt Kluxen: Vorlesungen zur Geschichtstheorie. 2 Bände. Paderborn 1974–1981.
  • Karl-Georg Faber: Theorie der Geschichtswissenschaft. 4. erw. Aufl. Beck, München 1978, ISBN 3-406-06173-7.
  • Jürgen Kocka: Geschichte wozu? (zuerst 1975), In: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.): Über das Studium der Geschichte. dtv, München 1990, ISBN 3-423-04546-9 (auch in: Geschichte, bsv-Studienmaterial, München 1976, ISBN 3-7627-6020-9)
  • Reinhart Koselleck: Geschichte, Historie. In: O. Brunner, W. Conze, R. Koselleck: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland (Geschichtliche Grundbegriffe). Bd. 2. Stuttgart 1975, S. 647–715.
  • Jacques Le Goff: Geschichte und Gedächtnis. Ullstein, Berlin 1999, (ital. 1971) ISBN 3-548-26552-9.
  • Jörn Rüsen: Grundzüge einer Historik. 3 Bde.:
    • l: Historische Vernunft. Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1983, ISBN 3-525-33482-6.
    • 2: Rekonstruktion der Vergangenheit. Die Prinzipien der historischen Forschung. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1986, ISBN 3-525-33517-2.
    • 3: Lebendige Geschichte. Formen und Funktionen des historischen Wissens. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-33554-7.
  • Hayden White: Tropics of Discourse. dt. Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen. Klett-Cotta, Stuttgart 1986.
  • Reihe: Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik. 6 Bde., dtv, München 1977–1990. (Tagungsberichte des Arbeitskreises "Theorie der Geschichte")
    • Reinhart Koselleck u. a. (Hrsg.): Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft. 1977.
    • Karl-Georg Faber, Christian Meier (Hrsg.): Historische Prozesse. 1978.
    • J. Kocka, Thomas Nipperdey (Hrsg.): Theorie und Erzählung in der Geschichte. 1979.
    • R. Koselleck, Heinrich Lutz, Jörn Rüsen (Hrsg.): Formen der Geschichtsschreibung. 1982.
    • Christian Meier, Jörn Rüsen (Hrsg.): Historische Methode. 1988, ISBN 3-423-04390-3.
    • Karl Acham, Winfried Schulze (Hrsg.): Teil und Ganzes. 1990.

Einführungen und jüngere Schriften

  • Hans-Jürgen Goertz: Umgang mit Geschichte. Eine Einführung in die Geschichtstheorie. rororo, Reinbek 1995, ISBN 3-499-55555-7.
  • Timothy Goering, "'Absolutized Logic is Ideology'. Three German Perspectives on Analytic Philosophy in the 1960s and 1970s", in: Journal of the Philosophy of History 10.2 (2016), S. 170–194.
  • Eric J. Hobsbawm: Wieviel Geschichte braucht die Zukunft. Hanser, München 1998 (engl. 1997 On history), ISBN 3-7632-4835-8.
  • Stefan Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. Orientierung Geschichte. Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-8252-3104-0.
  • Lothar Kolmer: Geschichtstheorien. UTB, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-3002-9.
  • Jörn Rüsen: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Böhlau, Köln u. a. 2013.
  • Erhard Wiersing: Geschichte des historischen Denkens: zugleich eine Einführung in die Theorie der Geschichte. Schöningh u. a., Paderborn 2007.
  • Andreas Buller: Die Geschichtstheorien des 19. Jahrhunderts. Das Verhältnis zwischen historischer Wirklichkeit und historischer Erkenntnis zwischen Karl Marx und Johann Gustav Droysen (Beitrag zur transzendentalen Historik). Berlin 2002, ISBN 3-8325-0089-8.
  • Thomas Mergel, Thomas Welskopp (Hrsg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte. C. H. Beck, München 1997.
  • Lutz Raphael: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49472-2.

Weblinks