Metabiographie

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Metabiographien beschäftigen sich mit der Beziehung von biographischen Darstellungen zum zeitlichen, geographischen, institutionellen, intellektuellen oder ideologischen Standort ihres Verfassers. Metabiographik ist eine Hermeneutik der Biographik. Sie betrachtet die biographierte Person als ein kollektives Konstrukt unterschiedlicher Erinnerungskulturen und trägt dadurch der grundsätzlichen Instabilität historischer Lebensbeschreibungen Rechnung.[1] Mit den Worten von Steven Shapin betont die Metabiographik, „dass sich wandelnde biographische Traditionen dazu führen, dass eine Person mehrere Lebensgeschichten hat“, von denen keine notwendigerweise mehr Anspruch auf Realität erheben kann, denn sie alle sind „entsprechend den Empfindlichkeiten und Bedürfnissen der wechselnden kulturellen Rahmenbedingungen gestaltet und umgestaltet“.[2] In dieser Hinsicht ist Metabiographik Ausdruck der Überzeugung, dass historische Erkenntnis stets betrachterabhängig ist.

Metabiographie vs. Biographie

Schon immer haben Biographen zur Vorbereitung ihrer eigenen Arbeit ältere biographische Darstellungen der von ihnen behandelten Person herangezogen. Bei der Beschäftigung mit ihren Vorgängern verfolgten diese Autoren etwa das Ziel, die sachliche Unzulänglichkeit ältere Forschungen zu demonstrieren und überlieferte „Mythen“ und „Irrtümern“ zu widerlegen, oder sie nutzen sie sie einfach nur als Grundlage für eine neue, „endgültige“ Darstellung. Metabiographik geht indessen über die Analyse der Stärken und Schwächen der vorangehenden Untersuchungen zu einer bestimmten Lebensgeschichte hinaus. Es geht ihr weniger um den Wahrheitsanspruch biographischer Darstellungen als um deren unvermeidlichen relationalen Charakter.[3] Es ist vorgebracht worden, dass in der Wissenschaftsgeschichte Metabiographik eine lange, fünfzig Jahre zurückreichende Tradition habe,[4] die von Henry Guerlacs Studie über Antoine Laurent de Lavoisier und seine Biographen[5] bis zu Rupert Halls Neuausgabe von Newton-Biographien aus dem 18. Jahrhundert[6] und darüber hinaus reiche. Für diese Forscher hatte die Beschäftigung mit älteren Biographen eine propädeutische Funktion in Hinblick auf die biographischen Werke ihrer eigenen Epoche. Sie verfolgten keinen relationalen Ansatz und verfügen somit nicht über das entscheidende Merkmal metabiographischer Untersuchungen.

Metabiographien aus dem Bereich der allgemeinen Geschichtsschreibung

Im Bereich der Künstler- und Schriftstellerbiographik findet sich der metabiographische Ansatz z. B. in einer Untersuchung von David Dennis über Ludwig van Beethoven (1770–1827)[7] und von Lucasta Miller (2001), die ihn erfolgreich am Beispiel von Emily Brontë (1818–48)[8] anwandte. Keine Metabiographie ist hingegen Gordon S. Woods Arbeit über die Amerikanisierung Benjamin Franklins,[9] obwohl die Franklin-Literatur eine ideale Materialgrundlage für eine derartige Untersuchung darstellen würde.

Metabiographien aus dem Bereich der Historiographie der Naturwissenschaften

Beispiele für Metabiographien über Naturwissenschaftler sind „The nine lives of Gregor Mendel“ von Jan Sapp,[10] Newton: the Making of Genius von Patricia Fara[11] und Alexander von Humboldt: a Metabiography von Nicolaas Rupke.[12] James Moore und Ralph Colp haben den metabiographischen Ansatz auf Charles Darwin angewandt.[13] Eine metabiographische Tendenz ist auch im Reader’s Guide to the History of Science (2000) erkennbar.

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Rupke, Nicolaas, Alexander von Humboldt: A Metabiography (corrected edition). Chicago und London: University of Chicago Press 2008, S. 214.
  2. Shapin, Steven, „Lives after death“, Nature, Bd. 441 (2006), S. 286; Zitate im Originalwortlaut: „that shifting biographical traditions make one person have many lives“ und „configured and reconfigured according to the sensibilities and needs of the changing cultural settings“.
  3. Rupke, Nicolaas, Alexander von Humboldt: A Metabiography (corrected edition). Chicago und London: University of Chicago Press 2008, S. 214.
  4. Söderqvist, Thomas, [Besprechung von Nicolaas A. Rupke, Alexander von Humboldt: a Metabiography], Isis, Bd. 98 (2007), S. 203–204; Söderqvist versteht unter Metabiographik jedoch die traditionelle kritische Begutachtung der biographischen Literatur zu einer bestimmten Person.
  5. Guerlac, Henry, „Lavoisier and his biographers“, Isis, Bd. 45 (1954), S. 51–62.
  6. Hall, A. Rupert, Isaac Newton: Eighteenth-Century Perspectives. Oxford [usw.]: Oxford University Press 1999.
  7. Dennis, David B., Beethoven in German Politics, 1870-1989. New Haven und London: Yale University Press 1996.
  8. Miller, Lucasta, The Brontë Myth. London: Cape 2001.
  9. Wood, Gordon S., The Americanization of Benjamin Franklin. New York, NY: Penguin 2004.
  10. Sapp, Jan, „The nine lives of Gregor Mendel“ in Le Grand, Homer E. (Hg.), Experimental Inquiries. Dordrecht: Kluwer 1990, S. 137–166. Sapp analysiert die verschiedenen Deutungen von Mendels Arbeiten zur Genetik durch spätere Fachleute auf diesem Gebiet, die ihn wahlweise als Darwinisten, Anti-Darwinian, Anhänger der Evolutionstheorie, Gegner der Evolutionstheorie, Mendelianer, Nicht-Mendelianer und als Forscher, der seine Daten manipulierte bzw. dies nicht tat und sogar als jemanden, der seine Experimente zur Kreuzung von Pflanzen komplett erfunden hat.
  11. Fara, Patricia, Newton: the Making of Genius. London: Macmillan 2002.
  12. Rupke, Nicolaas, Alexander von Humboldt: A Metabiography (corrected edition). Chicago und London: University of Chicago Press 2008; Rupke zeigt, wie in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und bis heute Humboldt als Projektionsfläche für eine Abfolge verschiedener sozio-politischer Ideologien benutzt wurde.
  13. Moore, James, The Darwin Legend. Grand Rapids, Michigan: Baker Books 1994; Moore, James, „Telling tales: Evangelicals and the Darwin legend“ in Livingstone, David N., Hart, D.G., and Noll, Mark A. (Hgg.), Evangelicals and Science in Historical Perspective. New York and Oxford: Oxford University Press 1999, S. 220–233; Colp, Ralph, „Charles Darwin’s past and future biographies“, History of Science, Bd. 27 (1989), S. 167–197.