Eine Frau in Berlin

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Eine Frau in Berlin ist das autobiografische Werk von Marta Hillers (1911–2001), die als Anonyma ihr Schicksal vom 20. April bis 22. Juni 1945 in Berlin und ihre Rolle als Vergewaltigungsopfer plündernder Rotarmisten beschreibt. Die erste Auflage war bereits 1954 auf Englisch und 1955 auf Niederländisch. Zahlreiche Übersetzungen in weitere Sprachen folgten. 1959 erschien das Buch in einem Genfer Kleinverlag auf Deutsch. Eine nennenswerte Rezeption des Buches gab es nicht.

Die Erstauflage traf 1959 in Deutschland auf heftige Ablehnung und der Autorin wurde vorgeworfen, sie hätte „die Ehre der deutschen Frau beschmutzt“ und das Buch sei eine „Schande für die deutsche Frau“. Von den empörten Äußerungen und feindseligen Reaktionen überrascht, untersagte die Autorin jede weitere Veröffentlichung bis zu ihrem Tode und lehnte auch für die Zeit danach die Nennung ihres Namens ab. 2003, zwei Jahre nach ihrem Tod, wurde das Buch in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek im Eichborn-Verlag wiederaufgelegt. Die Neuauflage gehörte zu den größten deutschen Bucherfolgen des Jahres 2003. Es stand mehrere Monate auf Der Spiegel-Bestsellerliste. Das Buch wurde in allen führenden Feuilletons positiv besprochen.

Da in zeitlicher Nähe zur Veröffentlichung andere Sachbücher als Fälschungen entlarvt wurden, ist auch die Authentizität dieses Buches bezweifelt worden. Im Zuge der Diskussion wurde die Identität der Autorin bekannt und anhand der originalen Tagebuchaufzeichnungen konnte deren Authentizität festgestellt werden.[1]

Unter der Regie von Max Färberböck wurde der Stoff mit Nina Hoss in der Hauptrolle verfilmt. Der Film Anonyma – Eine Frau in Berlin kam im Oktober 2008 in die deutschen Kinos.

Inhalt

Das Buch der damals 34-jährigen Marta Hillers schildert in lakonischem Stil mit schockierender Offenheit, Ironie und ohne Selbstmitleid den Alltag der letzten Kriegstage vom 20. April bis zum 22. Juni 1945. Dazu gehören Erlebnisse aus dem Luftschutzkeller. Sie liefert Charakterisierungen der ganz normalen Deutschen bei mangelnder Nahrung und bei Luftangriffen. Die Stimmung und Ängste der letzten Tage vor dem Einrücken der Roten Armee und die folgenden Vergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen, darunter sie selbst, werden dargestellt. Die permanente Verfügbarkeit des weiblichen Körpers als Alltag wird sichtbar. In diesem Alltag verschwimmen die Grenzen zwischen Vergewaltigung und Zwangsprostitution. Hillers beschreibt es als für „Essen anschlafen“. Die Soldaten versuchen, eine feste Frau zu finden, und zahlen dafür mit Lebensmitteln und Alkohol zur Betäubung. Durch Bindung an einen Soldaten versuchen die Frauen sich davor zu bewahren, Freiwild für viele zu sein. Es werden Soldaten vom höflichen Major über den aufrichtig Verliebten und den politisch gebildeten Genossen bis hin zum grobschlächtigen Wüstling und rücksichtslosen Säufer dargestellt. Die Frauen versuchen, sich bei deutlich hervortretenden Symptomen massiver Traumatisierung zu arrangieren. Deutsche Männer spielen keine oder nur eine unrühmliche Rolle. Die deutschen Männer tabuisieren und ignorieren die brutale sexuelle Gewalt und erheben sich moralisch über die wahren Hintergründe der Zwangsprostitution.

Constanze Jaiser schrieb in ihrer Rezension: Denn niemals zuvor sind die in dieser Zeit alltäglichen sexuellen Macht- und Ohnmachtsverhältnisse so dargestellt und in eine ebenso grob nüchterne wie literarisch feinsinnige Sprache übersetzt worden.

Bibliographie

  • Anonyma: Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003 (= Die Andere Bibliothek, Nr. 221). ISBN 3-8218-4534-1.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. „«Eine Frau in Berlin». Walter Kempowski legt Gutachten vor“ (Memento des Originals vom 26. September 2009 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.nzz.ch, NZZ vom 19. Januar 2004