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Eduard Gaertner

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Eduard Gärtner, Selbstporträt (1829)

Johann Philipp Eduard Gaertner (* 2. Juni 1801 in Berlin; † 22. Februar 1877 in Flecken Zechlin) war ein bedeutender Berliner Architekturmaler des 19. Jahrhunderts. Seine zwischen 1828 und 1870 entstandenen Ansichten von Berlin geben Aufschluss über das historische Erscheinungsbild der Stadt.

Leben

Herkunft und Kindheit (1801–1814)

Eduard Gaertner wurde am 2. Juni 1801 in der preußischen Hauptstadt Berlin geboren. Seiner Geburtsstadt sollte er Zeit seines Lebens eng verbunden bleiben und, so der Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan, „wie kein anderer Maler es verstehen, die Eigenart der Stadt zu erfassen“. In Berlin war er vielfältigen architektonischen Reizen ausgesetzt, die seinen Sinn schulten, „in der Wirklichkeit das Schöne zu entdecken“ (so Börsch-Supan). Die großen Architekturmaler des 18. Jahrhunderts, vor allem Canaletto und Francesco Guardi, wurden früh zu seinen Vorbildern. Gaertner erlebte Berlin als eine Stadt im Wandel: Die königliche Residenzstadt verlor aufgrund der in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts langsam einsetzenden Industrialisierung an Überschaubarkeit. Auf kulturellem Gebiet brach das Bürgertum die Dominanz von Hof und Adel. An der Stadtperipherie entstanden die Elendsviertel der Handwerker, Tagelöhner und Fabrikarbeiter. Politische und soziale Spannungen gehörten zum Erscheinungsbild der Stadt und sollten von Gaertner noch künstlerisch widergespiegelt werden.[1][2]

Der Weg zum Künstler war ihm jedoch keineswegs vorgezeichnet. Eduard Gaertner stammte aus einfachen Verhältnissen: Sein Vater Johann Philipp Gärtner (so die offizielle Schreibweise), geboren am 9. Januar 1771, war ein englischer Stuhlmachermeister, der nach Berlin übersiedelte. Im Zuge der napoleonischen Besetzung Berlins im Jahr 1806 verschlechterten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so weit, dass Johann Philipp Gärtner arbeitslos wurde. Um dennoch die Versorgung der Familie sicherzustellen, verließ seine Ehefrau Caroline Gaertner mit dem jungen Gaertner Berlin und ließ sich in Kassel nieder. Caroline Gaertner arbeitete dort als Goldstickerin und ermöglichte Eduard Gaertner im Alter von 10 Jahren, von dem Kasseler Hofmaler Franz Hubert Müller im Zeichen unterrichtet zu werden. In Kassel, der Hauptstadt des kurzlebigen Königreiches Westphalen, blieben Mutter und Sohn bis 1813, als sich die Niederlage Napoleons in den Befreiungskriegen abzeichnete.[3]

Ausbildung (1814–1824)

Eduard Gaertner, Selbstporträt (1820)

Als Eduard Gaertner im Jahr 1814 seine sechsjährige Lehre an der Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur (KPM) begann, erlebte Berlin eine Phase der wirtschaftlichen Erholung. Da die kriegerischen Belastungen nun- abgesehen von der kurzzeitigen Rückkehr Napoleons- entfielen, kauften Bürgertum und Adel wieder verstärkt Porzellan. Die KPM war folglich daran interessiert, neue Lehrlinge auszubilden und als Fachkräfte einzustellen. Von dieser Entwicklung profitierte auch Gaertner als Dekorationsmaler in der Manufaktur. Laut dem Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan gehen die Fähigkeiten Gaertners, die hohe „Präzision der Zeichnung und der Sinn für einen Oberflächenreiz“ auf diese Ausbildung zurück. Auch andere Berliner Architekturmaler wie Johann Heinrich Hintze begannen ihr Berufsleben in der KPM. Eduard Gaertner selbst war anderer Ansicht: das in der Porzellanmanufaktur Erlernte sei „außer einer oberflächlichen Lehre der Perspektive für [seine] Laufbahn eher hinderlich als förderlich (gewesen), da [er] nur Ringe, Ränder und Käntchens zu machen hatte“.[4][5] In der Manufaktur freundete sich Gaertner mit Gustav Taubert, dem Leiter der Figurenmalerei und späteren Direktor der KPM an. Von ihm übernahm er Techniken der Bildnismalerei.[6]

Als Gaertner im Jahr 1820 gerade seine Lehre an der Porzellanmanufaktur beendet hatte und noch kein Berufskünstler war, zeichnete er ein 15,6 × 9,4 cm großes Selbstporträt. In dem Bleistiftbildnis präsentiert sich der Zwanzigjährige „auf einem hochbeinigen Schemel sitzend“ (so Imgard Wirth), wobei er die Haltung eines Reiters annimmt. Das auf die Sitzfläche des Schemels gelegte Buch und „die regelmäßige Schraffur“ zeigen ihn noch eher als Akademiker und weniger als Künstler.[7]

Im Jahr 1821 wechselte Gaertner in das Atelier des königlichen Hoftheatermalers Carl Wilhelm Gropius. Er arbeitete dort bis 1825 an der Gestaltung von bemalten Bühnenkulissen. Dieser Tätigkeit verdankte Gaertner seinen Blick für architektonische Perspektiven und deren realitätsnahe Wiedergabe. Über Gropius lernte er den Architekten, Maler und Bühnenbildner Karl Friedrich Schinkel kennen. Dieser entwarf Bühnenbilder, die Gaertner fertigstellte. Neben der Arbeit bei Gropius besuchte Gaertner im Jahr 1822 zusätzlich die erste Zeichenklasse der Akademie der Künste. Gaertner gelang zwar die Versetzung, brach das Semester jedoch schon 1823 wieder ab [8]

Beginnende Künstlerkarriere und Pariser Studienreise (1824–1828)

Innenraum des Vorgängerbaus des heutigen Berliner Dom, Berlin 1824

Im Jahr 1824 erhielt Gaertner erstmals einen Auftrag von dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. Er sollte den Innenraum des 1816/1817 von Schinkel umgestalteten Vorgängerbaus des heutigen Berliner Dom auf Leinwand dokumentieren. Bevor Gaertner mit der Arbeit an dem Ölgemälde begann, fertigte er als Vorlage eine 37,8 × 34,2 cm große Bleistiftzeichnung an, die sich noch heute im Märkischen Museum erhalten hat. Sie weicht nur in wegen Details von dem späteren Gemälde ab. Schon auf dieser Skizze sind nur wenige Personen abgebildet, sodass die Aufmerksamkeit des Betrachters ganz auf die klassizistische Architektur gelenkt wird. In dem 77 × 62 cm großen Ölgemälde fällt die Blickrichtung vom Standort der Nordempore aus auf die Orgel und den Altar der Kirche. Ein heller, von der rechten Seite eindringender Lichtstrahl erleuchtet die Sitzreihe im Kirchenschiff. Auf einer Säule am rechten Bildrand zeichnet sich der Schatten der Fenstersprossen ab. Der König ließ das Gemälde im heutigen Kronprinzenpalais aufhängen. Während der Ausstellung der Berliner Akademie 1824 wurde es einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und brachte Gaertner weitere Aufträge ein. Er konnte sich schließlich 1825 eine dreijährige Bildungsreise nach Paris leisten, womit er dem Vorbild seines Lehrmeisters Gropius folgte.[9]

Kathedrale Notre-Dame de Paris, 58 × 42 cm großes Ölgemälde von 1827

Während seiner Studienreise hielt sich Gaertner nur zeitweise in der französischen Hauptstadt auf. Er nutzte mehrfach die Gelegenheit, um auch Städte wie Nürnberg, Heidelberg, Gent, Brüssel und Brügge zu besichtigen, wo es ihn vor allem zu den Bauwerken der Spätgotik hinzog. Paris als das künstlerische, wirtschaftliche und politische Zentrum Frankreichs muss dennoch auf Gaertner einen großen Eindruck gemacht haben. In der Stadt lebten bereits etwa 890000 Menschen- mehr als vier Mal so viele wie in Berlin. Die Stadt wurde in ihrem Kern noch weitestgehend von einer mittelalterlichen Bebauung dominiert, die im Begriff war zu verfallen. Gerade dieses Stadtbild übte seit 1800 einen großen Reiz auf englische Maler und Aquarellisten aus. Unter ihrem Einfluss begann sich Gaertner endgültig von den Innenraumdarstellungen ab- und den Stadtvedutenzu zuwenden.[10]

Gaertner wohnte im Pariser Atelier des Landschaftsmalers Jean-Victor Bertin. Obwohl dieser kein Vedutenmaler war, bewirkte er wahrscheinlich ein größeres Interesse Gaertners an der Malerei. Zuvor hatte Gaertner noch die Arbeit an Aquarellen der von Gemälden vorgezogen. In Paris lernte er aber, wie Irmgard Wirth betont, eine „Luft- und Lichtwirkung allein mit den Mitteln der Farbe“ zu erzielen. Von nun an seien Gaertners Gemälde, so Wirth, nicht mehr von einer „kalten, harten und luftleeren“ Ausstrahlung gekennzeichnet.[11]

Höhepunkt der Karriere (1828–1840)

Zimmerbild, Berlin 1849

Nach seiner Rückkehr aus Paris ließ sich Gaertner 1828 als freischaffender Maler in Berlin nieder. Er heiratete 1829. Mit seiner Frau Henriette hatte er zwölf Kinder, einer der sieben Söhne starb kurz nach der Geburt. In den nächsten zehn Jahren entstand eine große Anzahl jener Arbeiten, in denen er die biedermeierliche Residenzstadt Berlin, die gerade durch die Bauten Schinkels bereichert worden war, in all ihrer Vielfalt schilderte. Er malte aber auch, mit Blick auf die Abnehmer am königlichen Hof, die Schlosslandschaften der Umgebung: Bellevue, Charlottenburg, Glienicke und Potsdam. Die Bilder ließen sich gut verkaufen (allein der König erwarb mehrere Ansichten des Schlosses) und fanden allgemeine Anerkennung. 1833 bewarb sich Gaertner um Aufnahme in die Akademie der Künste und wurde als Perspektivmaler ordentliches Mitglied.

Im Jahr darauf begann er sein bekanntestes Werk, das sechsteilige Panorama von Berlin. Schinkel hatte gerade die Friedrichswerdersche Kirche fertiggestellt, deren flaches Dach zum beliebten Ausflugsziel der Berliner wurde – alle markanten Gebäude der Stadt lagen in Sichtweite. Von hier aus malte Gaertner sein Rundumbild, und auch diese Arbeit wurde vom König angekauft. Eine Zweitfassung überbrachte Gaertner der russischen Zarin Alexandra Feodorowna, einer Tochter Friedrich Wilhelms III., auf einer seiner längeren Reisen nach Sankt Petersburg und Moskau in den Jahren 1837 und 1838 – Reisen, während deren er intensiv zeichnete und malte.

Probleme

1840 starb Friedrich Wilhelm III., der die Berliner Architekturmaler gefördert und insgesamt 21 Gemälde Gaertners angekauft hatte. Nach dem Regierungsantritt seines Sohnes änderte sich das politische und kulturelle Klima. Friedrich Wilhelm IV. bevorzugte neben italienischer und griechischer Kunst eine deutsch-nationale, am Mittelalter orientierte Kunstausübung. Auch er kaufte zwar noch einige wenige Bilder Gaertners, der aber hatte jetzt seinen wichtigsten Auftraggeber verloren und geriet bald in eine finanziell angespannte Situation.

Auf der Suche nach neuen Arbeitsfeldern nahm er offenbar Kontakt auf zu Verfechtern der eben beginnenden Denkmalpflege. Als Vorstufe für den Schutz und die Restaurierung gefährdeter preußischer Baudenkmäler war eine gezeichnete Bestandsaufnahme solcher Bauten geplant. Auf ausgedehnten Reisen durch Dörfer und Städte der Provinz Preußen, die heute ein Teil Polens ist, fertigte Gaertner eine Reihe von Aquarellen an, die der Dokumentation dienten. Unterwegs entstanden weitere Bilder, die zwar ebenfalls architektonische Motive enthielten, das Landschaftliche aber stärker betonten und für den späteren Verkauf in Berlin gedacht waren – in den kleinen Orten der Provinz gab es kaum kaufkräftige Einwohner. Anders in Thorn an der Weichsel: hier erwarb er sich auf mehreren Reisen einen festen bürgerlichen Kundenkreis. Insgesamt waren all diese Aktivitäten nicht immer erfolgreich, manche der so entstandenen Werke blieben unverkauft.

Generell fand seine Kunst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts immer weniger Beifall, die Fotografie wurde zunehmend zur Konkurrenz. 1870 verließen er und seine Frau die hektisch gewordene Metropole Berlin und siedelten sich im brandenburgischen Flecken Zechlin an. Dort starb Gaertner am 22. Februar 1877. Seine Witwe bat den Künstler-Unterstützungsfond der Akademie der Künste um eine jährliche Beihilfe von 150 Mark, doch ihr Antrag wurde abgelehnt.

Eduard Gaertner schien aus der Kunstgeschichte verschwunden zu sein. Erst auf der Deutschen Jahrhundert-Ausstellung von 1906 wurden seine Arbeiten wieder gezeigt, man verglich sie nun mit der Kunst des großen italienischen Vedutenmalers Bernardo Bellotto (genannt Canaletto). Fragmentarische Einzelausstellungen gab es dann wieder 1968 und 1977, eine umfassende Werkschau 2001 im Berliner Ephraim-Palais.

Werke

Hilfsmittel

Eduard Gaertner arbeitete mit der Präzision eines Architekten. Als technische Zeichenhilfe zur Vorbereitung seiner Bilder benutzte er sehr wahrscheinlich die camera obscura, obwohl er diese in seinen Arbeitstagebüchern nicht ausdrücklich erwähnt. Dort tauchen aber Ausdrücke wie Zeichen Maschine und Apparat auf, die auf das Gerät hindeuten, ebenso wie verschiedene Architekturzeichnungen auf Transparentpapier. In Gaertners Besitz befand sich auch eine Sammlung früher Fotografien mit Berliner Stadtansichten. Sicherlich beobachtete er die Entwicklung der neuen Bildtechnik mit Interesse, verwendete jedoch die Fotos nicht unmittelbar als Vorlagen für seine Bilder.

„Panorama von Berlin“

Ausschnitt der Nordansicht des Panoramas
Ausschnitt der Ostansicht des Panoramas
Berlin-Panorama, Blick nach Süden, rechte Tafel
Linker Ausschnitt der Südansicht des Panoramas
Westansicht des Panoramas

Im Jahr 1834 fertigte Gaertner ein sechsteiliges 360°-Panorama von Berlin an. Im 19. Jahrhundert waren diese Rundbilder ein beliebtes und weit verbreitetes Medium der Unterhaltung und Belehrung. Gaertner begann die Arbeit an dem Panorama zunächst ohne einen Auftrag. Er hoffte, dass sich die einzelnen Ansichtstafeln eher verkaufen ließen, als eine einheitliche Ausführung. Nach den ersten drei Bildtafeln konnte der Künstler König Friedrich Wilhelm III. als Käufer gewinnen. Das fertige Panorama fand 1836 im Schloss Charlottenburg seinen Platz. Gaertners Berlinpanorama entstand auf dem Dach der von Karl Friedrich Schinkel zwischen 1824 und 1830 erbauten Friedrichswerderschen Kirche. Die Tafeln des Panoramas sollten (so Ursula Cosmann) „die Illusion hervorrufen, selbst mit auf dem Dach der Kirche zu stehen“. Zu diesem Zweck bilden das flache Satteldach, die Fialen, zwei Türme (vgl. die Westansicht der Tafeln) und die Brüstung einen Teil des Panoramas. Zugleich erleichtern sie dem Betrachter die genaue „Standortbestimmung“ (so Gisold Lammel). Die Nordtafeln zeigen im Vordergrund, wie auf dem Zinkdach der Naturforscher Alexander von Humboldt einem Ehepaar, den Ausblick auf das Forum Fridericianum erklärt und dabei auf ein Fernrohr weist. Auf der linken Seite der Nordansicht ist die Hedwigskathedrale zu sehen, daran hinten rechts anschließend die königliche Bibliothek und in der Mitte die königliche Oper. Auf der rechten Seite erscheint schließlich das Zeughaus. Auf der Ostansicht ist links der Lustgarten mit dem heutigen Alten Museum und dem klassizistischen Vorgängerbau des heutigen Berliner Doms zu sehen. Ganz rechts ist das Berliner Stadtschloss zu erkennen, das auch in die Südansicht hineinragt. Die Südansicht wird im Hintergrund von der noch unvollendeten Berliner Bauakademie dominiert. Im Vordergrund hat sich der Künstler selbst verewigt. Links neben ihm trägt eine „grüne Zeichenmappe“ (so Ursula Cosmann) die Aufschrift „Panorama von Berlin“. Weiter rechts schließen sich in der Ferne die Türme des Gendarmenmarktes an. Zwischen dem dortigen Deutschen und Französischen Dom ist das Dach und der Giebelportikus des Schauspielhauses sichtbar. In der Westansicht, die von den Türmen der Friedrichswerderschen Kirche beherrscht wird, ist ein auf die Dachspitze kletternder Sohn Gaertners zu sehen, der in seiner Hand einen Säbel trägt. Auf der linken Seite der Westansicht unterhalten sich der Oberbaudirektor Karl Friedrich Schinkel und der Berliner Gewerbeschulenleiter Christian Peter Wilhelm Beuth miteinander.[12][13]

Mit der bildlichen Hervorhebung von Universität, Oper, Altem Museum, Schauspielhaus und Bauakademie rückte Gaertner vor allem das bürgerliche Berlin in den Vordergrund. Das Berliner Stadtschloss als Zentrum der preußischen Monarchie drängt er hingegen „an den Rand“ der Tafeln. Dies kann, so die Kunsthistorikerin Birgit Verwiebe, als versteckte Kritik an der monarchischen Politik verstanden werden. Zudem erlaubt das Panorama seltene Einblicke in den Arbeitsalltag: Auf den Gerüsten der Bauakademie stehen Bauarbeiter und Dachdecker. In der Ostansicht, unterhalb des Lustgartens transportieren Kahnfahrer Fässer auf der Spree. Auf der rechten Tafel der Südansicht klopft unten rechts eine Frau Bettzeug aus. Aus dem Fenster schauend raucht ein Mann seine Pfeife. Auf dem Forum Fridericianum, zwischen Universität, Hedwigskathedrale und Oper lassen sich mehrere Karrenwagen entdecken.[14]

Den 360°-Rundblick verteilte er auf zwei Triptychen, jeweils zwei breitere Seitenflügel waren im Winkel von 45° zum Mittelteil angeordnet, um eine überzeugende Perspektive zu erreichen.

Gaertner lieferte auf diese Weise eine präzise Beschreibung der Berliner Stadtlandschaft, gleichzeitig aber eine Reihe lebendig gestalteter Genrebilder. Sommerliches Nachmittagslicht bestimmt den warmen Grundton der Gemälde und betont durch den schrägen Lichteinfall die Plastizität der Bauwerke. Männer, Frauen und Kinder in unterschiedlichsten Alltagssituationen, dazu allerlei Tiere beleben die Szenen. Der Standort des Malers ist in die Komposition einbezogen und bildet den Vordergrund – ein Prinzip, das auch in den großen Panoramen häufig angewendet wurde, um räumliche Tiefe zu unterstreichen. Es wurde äußerst anerkennend beurteilt und brachte dem Maler verschiedene Folgeaufträge ein.

Stilwandel

Bald nach 1840 – dem Todesjahr Friedrich Wilhelms III. – lässt sich ein fortschreitender Stilwandel an Gaertners Arbeiten beobachten, der dem Zeitgeist und dem persönlichen Geschmack des neuen Königs folgt. Die allgemeine Entwicklung verlief von klassizistischer Klarheit zum eher romantischen Blick auf Natur und Geschichte, zur idealisierenden Überhöhung. Bei Gaertner finden sich nun Landschaftsbilder mit dramatisch gestalteten Wolkenpartien, in denen die Architektur nur noch eine untergeordnete, dekorative Rolle spielt. Er beherrschte durchaus das romantische Repertoire: steile Felsen, ausladende Bäume (mit Vorliebe Eichen), Ruinen aller Art, Zigeuner. Auch diese Arbeiten hatten malerische Qualität, wurden aber weit weniger bewundert als die Stadtansichten früherer Jahre. So bleibt Eduard Gaertner vor allem als der Architekturmaler im Gedächtnis, der die Stadt Berlin in einem bedeutenden Abschnitt ihrer Geschichte sorgfältig beobachtet und dargestellt hat.

Gesellschaftskritische Werke

Laut dem Kunsthistoriker Peter-Klaus Schuster sympathisierte Eduard Gaertner mit der Vorstellung "einer egalitären bürgerlichen Gesellschaft, deren Mitglieder zivilisiert und herrschaftsfrei miteinander auskommen" sollten. Die angespannte politische Atmosphäre im Vormärz fängt Gaertner auch mit zwei Straßenansichten ein, in denen sich nachts Studenten am Eingangstor der heutigen Humboldt-Universität aufgeregt unterhalten. Sie werden von Polizisten beobachtet, die den Bereich zwischen der Universität und der Akademie besetzt halten. Bei der Studentengruppe handelt es sich um eine seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 verbotene Burschenschaft.[15]

Ansicht der Rückfront der Häuser an der Schlossfreiheit (Eduard Gaertner)
Ansicht der Rückfront der Häuser an der Schlossfreiheit
Eduard Gaertner, 1855
Öl auf Leinwand
96 cm × 57 cm
Nationalgalerie, Berlin
Die Marmorskulptur, auf die sich das Gemälde bezieht

Eine weitere Abbildung, die von der antihöfischen Gesinnung des Künstlers zeugt, ist ein 1855 entstandenes Ölgemälde. Die „Ansicht der Rückseite der Häuser an der Schlossfreiheit“ stellt Bürgerhäuser dar, die wegen ihrer Nähe zum Stadtschloss abgerissen werden sollten. Die Bürgerhäuser stehen dabei im Vordergrund und verdecken bis auf die Kuppel das Stadtschloss fast vollständig. Während die von Friedrich August Stüler erbaute Kuppel zum Teil von Schatten bedeckt ist, stehen die Bürgerhäuser im Sonnenschein. Das Gemälde sei, so Schuster, eine "Manifestation des selbstbewussten Bürgertums", das sich von der preußischen Regierung abgrenze. Zugleich folgt das Gemälde dem bürgerlichen Erziehungsprogramm, indem es, so Schuster, die „Vorbildhaftigkeit der Antike“ betont. Auf der linken Seite des Gemäldes ist eine Marmorskulptur auf der Schlossbrücke zu sehen. Die geflügelte griechische Siegesgöttin Nike fordert einen Jüngling auf, ihr aus ihrem Schild vorzulesen. Dort stehen die Namen Alexanders des Großen, Gaius Iulius Caesars und Friedrichs des Großen. An den Taten dieser „Helden“, so eine Aussage des Gemäldes, solle sich der Bürger orientieren. Auf der rechten Seite des Gemäldes, leicht von Bäumen verdeckt, ist die Bauakademie zu erkennen. Im Hintergrund erhebt sich schemenhaft der Turm der Petrikirche. Die Bauarbeiten an dem Bauwerk wurden erst 1852 vollendet, also nur drei Jahre nach der Entstehung des Gemäldes. Auf der Unterwasserstraße sind Szenen des alltäglichen Lebens zu entdecken; Kutschen und Fuhrwerke sind unterwegs, Kinder spielen am Bürgersteig und ein Mann mit schwarzem Hund lehnt sich an das Geländer. Bei ihm handelt sich wahrscheinlich um den Auftraggeber, dessen Name jedoch unbekannt ist. Laut Ursula Cosman habe Gaertner bewusst eine „von den Architekturmalern wenig gezeigte Gegend“ für sein Gemälde ausgewählt.[16][17]

In diese Serie passt auch das im Zuge der Berliner Märzrevolution von 1848 entstandene Aquarell Barrikade nach Kämpfen in der Breiten Straße. Gaertner trat hier als einer der „kompromißlosesten Chronisten“ (Peter-Klaus Schuster) dieses Ereignisses auf.[18] Dennoch kann Gaertner nicht als Revolutionär gesehen werden. Seine „heiteren“ und „idyllischen“ Stadtansichten sprechen gegen eine radikale Infragestellung von allem Bestehenden. Gaertners Schreibkalender deuten eher daraufhin, dass er ein „fleißiger Kirchengänger“ war und auf Reformen von oben setzte. Sein Staatsideal sah er in einer aufgeklärt-christlichen Monarchie.[19]

Reetzengasse

Parochialstraße in Berlin, 1831, Nationalgalerie (Berlin)

Das im Jahr 1831 geschaffene 39 × 29 cm große Ölgemälde „Reetzengasse“, die 1862 in die Parochialstraße umbenannt wurde, bildet das geschäftliche Leben der Handwerker und Kleinbürger in Berlin ab. Der auf der linken vorderen Bildseite sich an eine Tür anlehnende Kesselschmied raucht eine Pfeife. In der Bildmitte wird Holz "gesägt und gehackt", während auf der rechten Straßenseite zwei biertrinkende Männer sich unterhalten. Lückenlos reihen sich die zwei- bis dreiachsigen Häuser in der engen Gasse aneinander. Im Hintergrund erscheint der im Nebel verschwommen wirkende Turm der Nikolaikirche.[20]

Literatur

Weblinks

 Commons: Eduard Gaertner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Helmut Börsch-Supan: Deutsche Romantiker. Deutsche Maler zwischen 1800 und 1850. Bertelsmann, München 1972. S. 85.
  2. Peter-Klaus Schuster: Die „Linden“ als Bildungslandschaft. In: Birgit Verwiebe (Hrsg.): Katalog. Unter den Linden. Berlins Boulevard in Ansichten von Schinkel, Gaertner und Menzel. Berlin 1997, S. 29–40, hier S. 29.
  3. Irmgard Wirth: Eduard Gaertner, der Berliner Architekturmaler. Propyläen, Berlin 1985 S. 7.
  4. Arnulf Siebeneicker: Gaertner als Lehrling der Königlich-Preußischen Porzellan-Manufaktur In: Eduard Gaertner 1801-1877. Nicolai, Berlin 2001. S. 55–64, hier 55-56
  5. Helmut Börsch-Supan: Deutsche Romantiker. Deutsche Maler zwischen 1800 und 1850. Bertelsmann, München 1972. S. 85.
  6. Irmgard Wirth: Eduard Gaertner, der Berliner Architekturmaler. Propyläen, Berlin 1985. S. 17.
  7. Imgard Wirth: Biographisches In: Dominik Bartmann (Hrsg.): Eduard Gaertner, 1801–1877. Nicolai, Berlin 2001. S. 215–217, hier: S. 215.
  8. Arnulf Siebeneicker: "Ringe, Ränder und Käntchens" Gaertner als Lehrling und Maler der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin 1814-1821 In: Dominik Bartmann (Hrsg.): Eduard Gaertner, 1801–1877. Nicolai, Berlin 2001. S. 55–65, hier; S. 61.
  9. Katalogteil In: Dominik Bartmann (Hrsg.): Eduard Gaertner, 1801–1877. Nicolai, Berlin 2001. S. 210-439; hier S. 313.
  10. Dominik Bartmann: Gaertners Parisreise 1825-1828, In: Dominik Bartmann (Hrsg.): Eduard Gaertner, 1801–1877. Nicolai, Berlin 2001. S. 65-80, hier; S. 65–70.
  11. Irmgard Wirth: Eduard Gaertner, der Berliner Architekturmaler. Propyläen, Berlin 1985 S. 19.
  12. Ursula Cosmann: Eduard Gaertner 1801 - 1877, Berlin 1977. S. 16.
  13. Gisold Lammel: Preussens Künstlerrepublik von Blechen bis Liebermann: Berliner Realisten des 19. Jahrhunderts. Verlag für Bauwesen. Berlin 1995. S. 27–28
  14. Birgit Verwiebe: Erdenstaub und Himmelsdunst Eduard Gaertners Panoramen In: Dominik Bartmann (Hrsg.): Eduard Gaertner, 1801–1877. Nicolai, Berlin 2001. S. 97–111, hier; S. 106.
  15. Peter-Klaus Schuster: Die „Linden“ als Bildungslandschaft. In: Birgit Verwiebe (Hrsg.): Katalog. Unter den Linden. Berlins Boulevard in Ansichten von Schinkel, Gaertner und Menzel. Berlin 1997, S. 29–40, hier S. 29.
  16. Peter-Klaus Schuster: Die „Linden“ als Bildungslandschaft. In: Birgit Verwiebe (Hrsg.): Katalog. Unter den Linden. Berlins Boulevard in Ansichten von Schinkel, Gaertner und Menzel. Berlin 1997, S. 29–40, hier S. 35–40.
  17. Ursula Cosmann: Katalogteil Unter den Linden In: Dominik Bartmann (Hrsg.): Eduard Gaertner, 1801–1877. Nicolai, Berlin 2001. S. 246-260, hier; S. 259.
  18. Peter Klaus Schuster Gaertner und die geistige Mitte Berlins S. 44.
  19. Renate Franke: Berlin, Straßen und Plätze In: Dominik Bartmann (Hrsg.): Eduard Gaertner, 1801–1877. Nicolai, Berlin 2001, S. 274–289, hier; S. 286.
  20. Ursula Cosmann: Eduard Gaertner 1801 - 1877, Berlin 1977. S. 15.
Dieser Artikel wurde am 10. Januar 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.