Deutsches Stickstoff-Syndikat

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Das Deutsche Stickstoff-Syndikat (Abkz. DSS) war ein am 8. Mai 1919 gegründetes Kartell der größten deutschen Produzenten von Stickstoffdüngern und technischen Düngern unter Führung der I.G. Farben und existierte bis 1945. Es bildete die Drehscheibe und Clearingstelle des Weltstickstoffhandels und führte das Internationale Stickstoffkartell mit dem Namen „Convention de l'Industrie de l'Azote“ (CIA). 1926 machte die Produktion von Stickstoff 43 % des Umsatzes und 65 % der Gewinne der IG Farben aus.

Geschichte

Anlass zur Bildung der Gesellschaft, unter dem Namen Stickstoff-Syndikat G. m. b. H, waren die Überkapazitäten aus dem 1. Weltkrieg, in dem zur Munitionserzeugung große Anlagen zur Erzeugung von Ammoniak nach dem Haber-Bosch-Verfahren aufgebaut worden waren. Die Verhandlungen zur Bildung wurden von der Reichsregierung geleitet, später konnte die Industrie den Einfluss des Staates zurückdrängen. Die BASF besaß von den 33 Stimmen im Verwaltungsrat 20 Stimmen, die Reichsregierung dagegen nur 3. Die deutsche Schwerindustrie, die Stickstoff als Nebenprodukt erzeugte, trat 1930 dem DSS bei. 1927 konnte das DSS mit einer Beteiligung von 25 % die Kontrolle über die norwegische Norsk Hydro gewinnen, welche im Gegenzug das Haber-Bosch-Verfahren erhielt. In einem Kartellvertrag mit der britischen Imperial Chemical Industries (ICI) mit Gültigkeit vom 1. Juli 1929 mit 10-jähriger Laufzeit teilte es sich den Weltmarkt im Verhältnis 80,5 % zu 19,5 % zu Gunsten des DSS auf. Damit entstand die DEN-Gruppe (Deutsch-Englisch-Norwegische).

Am 1. Juli 1930 trat das internationale Stickstoffkartell CIA für ein Jahr in Kraft und umfasste neben der DEN-Gruppe die Länder Frankreich, Belgien, Niederlande, Polen und die Tschechoslowakei. Am 1. Juli 1932 wurde es erneuert. Präsident des Kartells wurde das Vorstandsmitglied der IG Farben Hermann Schmitz. Die DEN-Gruppe erhielt 75,9 % des Exportanteils. Die CIA zahlte um die Preise im Kartell hoch zu halten bei einem Marktpreis von 40 Pfennigen, außergewöhnlich hohe 15 Goldpfennig je Kilogramm für nicht produziertes Ammoniumsulfat.

In der Weltwirtschaftskrise begann ab August 1931 ein allgemeiner Preiskampf der den Weltmarktpreis um die Hälfte senkte. Die CIA zerbrach. In diesem Preiskampf arbeiteten das DSS und das Auswärtige Amt zusammen. Überall in der Welt führten die Regierungen Schutzzölle zum Schutz ihrer Stickstoffindustrie ein, oder riegelten ihren Markt mit anderen Mitteln ab. Der Preiskampf und die Schrumpfung des Marktes durch die Weltwirtschaftskrise führten zu einem Zusammenbruch der chilenischen Salpeterindustrie. In Chile machte der Exportzoll für Salpeter 60 % der Staatseinnahmen aus. Der Zusammenbruch führte zu einer sozialen und gesellschaftlichen Krise, die fünf gewaltsame Regierungswechsel zur Folge hatte. Die DEN-Gruppe ging als Sieger des Preiskampfes hervor, sie konnte ihre Position im internationalen Stickstoffkartell weiter stärken.

Das DSS und die ICI versuchten in der ganzen Welt den Bau von Stickstoffwerken zu behindern. U. a. durch Verweigerung technischer Hilfe, oder durch das Angebot technischer Hilfe, die dann hintertrieben wurde. So konnte durch hintertriebene Hilfe ein Werk in Finnland jahrelang verzögert werden. Den Bau eines dänischen Werkes verhinderte die deutsche Regierung, nach Absprache mit dem DSS, durch Androhung einer Verschlechterung des zwischenstaatlichen Verhältnisses.

1934 wurde das DSS ein Zwangskartell, und so auch die letzten innerdeutschen Außenseiter in das Kartell gezwungen. 1939 vereinbarten das DSS und die ICI ihre Beziehungen auch im Fall eines deutsch-britischen Krieges aufrecht zu erhalten.

Bewertung

Harm G. Schröter bewertet das Internationale Kartell CIA, durch die geschickte Führung durch das DSS, als eines der erfolgreichsten Kartelle, da die Produktion erfolgreich eingeschränkt werden konnte und so die Preise hoch gehalten werden konnten. Allerdings gelang es ihm nicht den Ausbau der Produktionskapazitäten zu stoppen, an dem weltweit die Regierungen aus militärischen Gründen interessiert waren. Die Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft bewertet er als weltweit üblich und eine „besondere Aggressivität des deutschen Kapitals“ ist für ihn nicht nachweisbar.

Literatur

  • Harm G. Schröter: Das internationale Stickstoffkartell 1929–1939. In: Harm G. Schröter, Clemens A. Wurm (Hrsg.): Politik, Wirtschaft und internationale Beziehungen, Studien zu ihrem Verhältnis in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Mainz 1991.